Ein Montag brachte die Wende. Heute vor 20 Jahren formierte sich nach dem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche die erste Montags-Demonstration. Die DDR-Bürger forderten offene Grenzen, beteten für Frieden und hofften auf Freiheit. Auf ihren Plakaten stand „Keine Gewalt!“ und „Wir sind das Volk!“ Eine halbe Republik ging auf die Straße, eine halbe Republik schaffte ein ganzes Deutschland.
Es ist der 4. September 1989. Pfarrer Christian Führer (heute 66) hat die Türen seiner Nikolaikirche in der Leipziger Innenstadt zum Friedensgebet geöffnet. Schon seit Jahren treffen sich die Menschen dort am Montagabend. „Offen für Alle“ hat Führer auf ein Plakat geschrieben. Doch an diesem Montag gehen die Leipziger nach dem Beten nicht nach Hause. Auf der schmalen Nikolaistraße bleiben sie stehen. Mehrere hundert DDR-Bürger sind kurz zuvor über die ungarische Grenze nach Österreich geflohen. „Reisefreiheit“ steht auf den Transparenten, die die Leipziger in die Luft halten. Es bewegt sich etwas in der Republik.
Ab jetzt treffen sie sich jeden Montag. Erst kommen 100, dann 70 000. Erst fordern sie Freiheit, dann die deutsche Wiedervereinigung. Den DDR-Polizisten rufen die mutigen Leipziger „Wir haben genug“ und „Stasi raus“ entgegen. Das Feuer der Montags-Demonstrationen – es greift auch auf Dresden, Halle, Magdeburg und Rostock über.
Der 9. Oktober 1989: ein Wendepunkt in der Geschichte der Montags-Proteste. Zum ersten Mal fahren Stasi und Polizei Panzer auf. Soldaten marschieren durch Leipzig, Krankenhäuser werden vorsorglich geräumt, Blutkonserven bereitgestellt. In den Köpfen spukten die Bilder vom blutigen Massaker auf dem Tiananmen-Platz in Peking (China). Die Menschen haben Angst, aber sie haben noch mehr Mut.
Pfarrer Führer hält sein Friedensgebet am 9. Oktober trotzdem. Danach ziehen 70 000 Menschen mit ihm durch die Stadt – friedlich, in einem Meer von Kerzen. „Das war das Größte“, erinnert er sich. „Dass die Menschen die Bergpredigt in zwei Worte fassten und umsetzten: Keine Gewalt!“
Warum griffen die DDR-Truppen nicht ein? Warum ließen sie die Demonstranten gewähren? Bis heute sind die Gründe nicht genau geklärt. Vermutet wird, dass die Verantwortlichkeiten nicht klar waren und keiner wusste, wer, wann und wo einen Schießbefehl geben durfte. Gehofft wird aber, dass die Soldaten nicht schießen wollten, dass sie insgeheim für die Freiheit beteten wie die mutigen Demonstranten auch.