Der längste Trauerzug Berlins

2 000 Motorradfahrer gedachten im Berliner Dom der 15 tödlich verunglückten Biker in diesem Jahr

Alexander Oetker

Der Berliner Dom ist voll wie selten bei einem Gottesdienst: Annähernd 2 000 Motorradfahrer sitzen in den Bänken, tragen Lederkluft und schwere Stiefel, ihre Helme haben sie in den Schoss gelegt. Auf dem roten Teppich vor dem Altar liegen zwölf Motorradhelme in Form eines Kreuzes - zum Gedenken an die gestorbenen Motorradfahrer im Jahr 2008.

Kein freier Platz

Eine kalte, verregnete Fahrt durch die Hauptstadt haben die Biker um 12.30 Uhr am Sonntag schon hinter sich: Um 12 Uhr starten sie am Olympischen Platz in Charlottenburg und fahren in einer langen Kette quer durch das Zentrum am Brandenburger Tor vorbei zum Berliner Dom. Dort ist die Straße vor dem Lustgarten abgesperrt, rot-weiße Bänder schützen rund 1 500 Motorräder und Roller. Einige Biker stehen draußen, weil sie keine Plätze mehr bekommen haben und lauschen der Übertragung des Gottesdienstes über Lautsprecher.

Passanten kommen dazu und betrachten interessiert die Veranstaltung mit den sonst so harten Motorradfahrern, die sich nun erheben und trauern. Im Dom halten die Biker ebenfalls ihre Köpfe gesenkt. Pfarrer Bernd Schade, ebenso im Motorradanzug, spricht mit trauriger Stimme: "Motorradfahrer töten nicht, sie werden getötet." Er belegt das durch Zahlen. "Zwei Drittel der verunglückten Biker waren nicht schuld an ihrem Unfall", sagt er. In Berlin starben in diesem Jahr 15 Biker, im vergangenen Jahr waren es noch 20. Im Umland dagegen ist die Zahl in diesem Jahr höher: 29 Tote musste man schon beklagen, 2002 waren es 45.

Der 45-jährige Biker-Pfarrer Bernd Schade ist zwar erleichtert über diesen Rückgang, jedoch trotzdem besorgt: "Ich beobachte, dass der Straßenverkehr schneller wird. Und ich muss die Motorradfahrer deswegen aufrufen, den Gashahn zuzulassen." Die Fahrer sind beim Gebet angelangt. "Und du, Gott, siehst unsere Trauer um die verunglückten Motorradfahrer", sagen sie aus 2 000 Kehlen. "Großer Gott, wir loben dich" singen sie danach.

Johann Krüger, Biker aus Berlin, sieht die Ursache für viele tödliche Unfälle nicht nur bei den Fahrern: "Auch die Straßenverhältnisse sind schuld", sagt er. "Schlaglöcher sehen wir nachts gar nicht." Einer alten Dame in der Kirche ist das zu einfach: "Viele überschätzen sich und rasen, oftmals ist das gefährliche Angeberei", sagt sie.

Eine halbe Stunde später stehen Angehörige der toten Biker vor dem Altar und entzünden Kerzen zum Gedenken. Ursachenforschung kommt da zu spät. Das Prinzip Hoffnung steht im Vordergrund: "Wir sind erst froh, wenn wir diese Gottesdienste nicht mehr machen müssen", heißt es in der Andacht.

Artikel vom 9. Oktober 2008